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Wie hätte ich wissen können, dass es mein eigener Bruder war. Jetzt wird er über Kanüle ernährt und ich kann ihn besuchen, wann immer ich will. Wie die Ruhe selbst, ausdruckslos, eigentlich recht unpassend für ihn schaut er an die Decke. Seine Tattoos und die wilde Frisur zerstören die Idylle. Nils, wie er da liegt unter frisch gebügelten Leinenlaken – ein Leichenschauhaus hätte ihn nicht  entzückender verpacken können.
 Er war erst 17, als wir das letzte Mal von ihm hörten – „l’enfant terrible“! Unsere Eltern konnten ihn nicht ausstehen, nicht so wie er war. Ihm hingegen war der angehende Narzissmus in unserer Familie zuwider, mit Familienbaum, Ballabenden und der ungeschriebenen Regel, dass die Eltern über den Freundeskreis entschieden. Man kannte ihn bereits als Rebell, doch war er weniger Rebell als einfach nur jugendlich unausgeglichen, dafür hoch begabt. Und ich war für ihn der ältere Bruder, nicht nur auf den Papieren. Genau das liebte und hasste er an mir zugleich. Probleme mit Frauen, Geld oder der Bande. Was immer auch anstand - da kam er zu mir. Weil Bullshit alles war, was seinen Freunden in den Sinn kam, trotz ihres Wohlstands mit Drogen zu handeln, schlimmer: systematisch ihre Bildung und Zukunft zu verleumden.
Dabei waren Drogen nie das Problem. Die Luft hier im Krankenhaus ist aus garstigeren Bestandteilen zusammengesetzt, als das schlimmste Zeug, was die damals genommen haben. Der Geruch nach Chlor und anderen Reinigungsmitteln, welch Hohn das Wort Ruhestation hier zu lesen. Ausserdem: „Fenster öffnen verboten – Feueralarm“. 
Ich weiß, womit die Bande ihr Geld machte, gab ihnen Ratschläge was zu nehmen und was zu verkaufen war, wie sie ihr Geld anlegen konnten. Meine Drogenerfahrungen und meine Jugend jedoch sind eine andere Geschichte.
 Nils, so tief er auch drin steckte, vielleicht sogar der Drehpunkt aller Dinge war, blieb intelligent genug, um die Höhe des Horizonts zu hinterfragen, von dem die anderen so dekadent redeten. Dass er dann abhaute war nicht meine Schuld. Es hieß: „Finde ihn, denn du bist der Einzige, der versteht, was da vor sich geht.“ Und ich dachte wirklich, dass ich das wüsste. Nils sagte:
"Wir leben alle unter dem gleichen Himmel, haben aber nicht immer denselben Horizont." Sein Satz. Seine Unterschrift unter jedem seiner Werke in der Gegend, in schwarzer Schrift umrandet von goldenem Lack. Hätte ich nur das gewusst, hätte ich ihn nicht getötet. Nils. 

16.5.09 16:09
 




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